Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit

Seraphina Lenz

Seraphina Lenz


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mots croisées

Was ist ideal?

Für ihre Ausstellung im Projektraum Kurt-Kurt entwickelt Seraphina Lenz die Installation mots croisées. Sie nimmt das Gedicht Das Ideal von Kurt Tucholskys zum Ausgangspunkt und lässt sowohl im installativen wie auch im gedanklichen Raum das „Heute zwischen Gestern und Morgen“ kreuzen.

Im Gedicht Das Ideal aus dem Jahr 1927 beschreibt Kurt Tucholsky die unerreichbare Wunschvorstellung eines vordergründig perfekten Lebens. Er spricht darin vom Hin- und Hergerissensein zwischen Betriebsamkeit und Stille, von sinnlichen Freuden und Luxus.

In der mehrteiligen Installation für die Räume von Kurt-Kurt bleibt Seraphina Lenz nah am Text und spürt den Details nach wie in einem close reading Prozess. Sie untersucht einzelne Worte, findet Bilder, inszeniert das Gedicht räumlich und macht es begehbar. So schafft sie durch ihre „Inszenierungen“ Bezüge zwischen Interpretation, historischen und biografischen Aspekten und den unterschwelligen oder teilweise auch offensichtlichen Entwicklungen der Gegenwart.

Als berühmter Satiriker hat Tucholsky selber viel über Witze geschrieben, besonders gern über ihr Misslingen. Witze bedürfen eines exakten Timings. Kommen sie hundert Jahre zu spät, verschieben sich die Zeitläufte und es stellt sich die Frage, ob und wo der Witz dennoch treffen kann. So analysiert Seraphina Lenz in der explizit für diese Ausstellung entwickelten Arbeit auch, wie Tucholsky als erfolgreicher Feuilletonist präzise den Ton seiner Zeit im Übergang zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik traf. Die genauen Beobachtungen des gegenwärtig gesellschaftlichen Geschehens und die Kommentierung tagespolitischer Ereignisse haben einen geschichtlichen Klang, so dass sich die Frage stellt, welche Pointen heute noch treffen.


Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –,
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egal weg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.

Tröste dich

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

Theobald Tiger / Berliner Illustrierte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256.

www.seraphinalenz.de

Die Ausstellungsreihe wird gefördert durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.