Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit

Ausstellungen / Projektreihen

Sleep is overrated (2020)


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Ausstellung: 28. August – 13. September 2020

Künstler*innen:
Heather Allen, Heike Baranowsky, Emmanuelle Castellan, Katharina Grosse, Ilona Kálnoky, Mark Le Ruez, Via Lewandowsky, Sophia Pompéry, Karin Sander, Salah Saouli, Karen Scheper, Veronika Witte, Jan Peter Zaugg, Georg Zey


Heather Allen
Push, 2016, Bronze, 64.5 x 10 x 9 cm
Centre Point, 2016, Bronze, 34 x 11 x 8 cm

Perhaps at some point Heather Allen will have noticed the images of the tower-like excrement heaps of earthworms that the famous Charles Darwin had produced for his work “Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer” (“The Formation of Soil through the Activity of Worms”), cut life size in wood after photographs. Anyway, I thought I heard a distant cackling and smirking of Shakespearean witches when I was alone with the sculptures – and finally a hoarse laughter from the Monty Python area. But it’s too short-sighted to reduce Allen’s sculptures to aspects of the comic or random because of their unusual figurative form. Even where brilliantly erect limbs, like hyper-sexually charged dildos, are in their splendour and embarrassingly dazzle the observer, they are results of goal-oriented strategies and conceptual procedures. What looks as if it has emerged from a continuous process of growth is the result of planning, development and corrections. Sketches, drawings and other drafts are stepping stones and mark the path to a valid sculpture. In fact, these new figurations are preceded by a two-dimensional research and accompany the development of the sculpture until its final fixation as a “form” in space.

Heike Baranowsky
Perimeter, 2020, Fotogramm-Cyanotypie, gerahmt; 60 x 40cm, 40 x 30 cm, 30 x 20 cm

Mein Interesse gilt der Unmittelbarkeit und dem dokumentarischen Charakter der fotografischen Technik der
Cyanotypie. Das Fotogramm steht als experimentelles Bild zwischen Fotografie und Körper. Im Gegensatz zur Fotografie liegt beim Fotogramm die unmittelbar spürbare Gleichzeitigkeit des anwesenden und abgebildeten Gegenstandes zugrunde. Als kameralose Bildwerke entstanden diese Fotogramme durch direkte Belichtung in einem Kontaktverfahren von Objekten auf UV-lichtempfindlichen Papier (Cyanotypien). Die drei Blätter sind zeitlich
nacheinander belichtet und zeigen somit auch einen Sonnenverlauf und Sonnenstand.

Emmanuelle Castellan
Figures and suspicions, 2020, oil and Pigments on canvas, cuts, 70 x 40 cm
the great conspiracy, 2019, oil on cardboard and canvas, 40 x 30 cm
speaking tower, 2020, oil on cardboard and canvas, 40 x 30 cm

Die beiden Bilder sind von russischen Satiremagazinen Ende des 19. Jahrhunderts inspiriert. In dieser Zeit, die von politischer Unsicherheit geprägt war, spielte die Karikatur eine wichtige Rolle. Das Spiel der Malerei wird hier als Dekonstruktion der Repräsentation organisiert, um so vielleicht die ursprüngliche Rolle des karrikierenden Bildes umzukehren. Die Kritik an oder die Verhöhnung der Gesellschaft bleibt in der Schwebe und wird vom Akt der Malerei überspielt. Die eigentliche Rolle der Malerei besteht bei diesen Bildern eher darin, Zeichen entstehen zu lassen, Zeichen zu durchdringen und aufzutrennnen, um Raum für Erinnerungen zu schaffen, die auch Parallelen zwischen damals und heute zulassen. Die Leerstellen und „Öffnungen“ in den Bildern lassen Raum für das Unbeschreibliche. Das gemalte Bild wird zu einem unsicheren, schwebenden Territorium, in dem der Wunsch, eine neue visuelle Poesie zu erfinden, ebenso aufgebaut wie zerstört wird. Gleichzeitig wird die Malerei zum Ort, der das Oszillieren zwischen Konflikten der Identifikation und einem aus dem Gleichgewicht gebrachten Verhältnis zur Realität widerspiegelt. In der Stille der Malerei fordern Material und Geste die Betrachter*innen heraus, die Bilder anzuschauen und nach ihrem Sinn zu fragen, ohne zu urteilen, sondern indem sie akzeptieren, dass nichts je fertig ist.

Katharina Grosse
Her Home, 2020, Acryl auf Karton, 81 x 79 x 68 cm

Katharina Grosse akzentuiert mit ihrer neu für Kurt-Kurt geschaffenen Skulptur Her Home eine scheinbar unbedeutende Raumecke.

Ilona Kálnoky
stapeln, balancieren, fallen , 2020, Wachs, Sand, Holzleiste, Maße variabel, Höhe ca 180cm

„Durch beiläufig anmutende Handlungen und Handgriffe formt Ilona Kálnoky alltägliche und industrielle Werkstoffe zu Skulpturen. Die bildhauerischen Strategien der Stauchung, Kompression und Dehnung, die Prozesse der Veredelung, Zersetzung und des Verfalls, sowie der menschliche Körper spielen bei der abgründig humorvollen Formbildung eine zentrale Rolle.“
aus dem Text der Ausstellung Incremental Abstractions 2020, Kunstverein Tiergarten, Berlin

Mark Le Ruez
Ute, 2003, pigmented inkjet print 15,2 x 22,5 cm, gerahmt 50 x 40 cm

Ute is the person who I have photographed the most over the last twenty years. To quote Nan Goldin, a statement with which I concur, “I have never believed in one decisive portrait of someone but in a variety of pictures that record the complexity of a life.”

Via Lewandowsky
How Matter Matters, 2020, Glasscheibe mit Löchern, Schutzringe, medizinische Schutzhandschuhe

Via Lewandowsky verwandelt mit seinem Eingriff inklusive Schutzhandschuhen den gesamten Ausstellungsraum
zum Inkubator.

Sophia Pompéry
Decke , 2020, Textilobjekt, 135 x 200 cm

Eine weiße Bettdecke schwebt unter der Raumdecke.

Karin Sander
Gebrauchsbild 76, Flusen, Reykjavik, 2006, Baumwollgewebe auf Keilrahmen (Standardgröße), weiße Universalgrundierung, 30 x 30 cm, (KS 058)

Die Gebrauchsbilder entstehen an dem Ort, an dem sie hängen. Die grundierten Bildträger werden ohne vorherige Manipulation an einen ausgesuchten Ort transportiert und verbleiben dort ungeschützt für einen zu bestimmenden Zeitraum. Sie sammeln die spezifische Patina ihres Ortes und bilden diesen ab. Dieser Vorgang des Aufnehmens kann unendlich andauern oder irgendwann unterbrochen werden. Zeitraum, Name des Ortes und Größe bestimmen das Bild und geben ihm seinen Titel. (Karin Sander)

Salah Saouli
Ceci n’est pas une valise, 2018-2019, Video, 9 Min

Ein Koffer kann Welten in sich verbergen. Für mich hat ein Koffer eine ganz besondere Bedeutung. Er ist ein Stück Heimat, den ich immer mit mir bringe, wenn ich, wie so häufig, unterwegs bin. Er begleitet mich durch neue Erlebnisse, neue Arbeitserfahrungen, neue Begegnungen. Er enthält Erinnerungen, Hoffnungen, verstreute Gedanken. Gleichzeitig verbinde ich Koffer aber auch mit dem libanesischen Bürgerkrieg. Ich hatte die Gewohnheit, immer einen Koffer bereit zu halten, der für Notfälle gepackt war. Hierin waren außer einigen Dingen für den täglichen Gebrauch auch wichtige Papiere, ein bestimmtes Fotoalbum, Notenblätter, alles Dinge, die nicht verloren gehen durften. Das Video ist den vielen Koffern gewidmet, die mich in den letzten 30 Jahren begleitet haben, und die eine Art Lebens-Depot darstellen.

Karen Scheper
dark skies [200107.00.55], 2020, Tusche und Filzstift auf Papier, 90 x 60 cm

Die neuen Arbeiten von Karen Scheper sind vor allem eines: farbig. Sie verzichten weitgehend auf geschriebene und gezeichnete Textelemente, auf denen ihre Zeichnungen sonst häufig aufbauen. Bei aller neu entdeckten Farbigkeit ist die Palette der Reihe dark skies jedoch eine durchaus finstere. Die oft apokalyptisch anmutenden Fotomotive wurden papierenen Tageszeitungen entnommen, verbrachten eine Zeit als ausgeschnittener und an die Atelierwand geklebter Artikel unter Sonnenlicht oder halb unter Papierstapeln verborgen auf dem Schreibtisch und wurden schließlich für die Zeichenvorlage digital bearbeitet. Mit Tusche- und Filzstiften gezeichnet, verdichten sich die einander überlagernden und permanent kreuzenden Strichlagen zu wolkigen Ballungen und generieren beinah romantisch anmutende Himmels-Landschaften. Sie zitieren die mediale Banalität von Katastrophenbildern, die uns täglich begegnen, inszenieren aber auch die visuell überwältigende Schönheit dräuender Wolkenwände. Den diesem Schauspiel beiwohnenden menschlichen Figuren bleibt als Statist_innen des zivilisatorischen oder universellen Unheils da nicht viel, um auf ihren zwei Füßen stehen zu bleiben.

Veronika Witte
Zone, 2015|2020, 4 min50‘ videoloop, HD 1920 x 1080, Farbe, Stereo

Eine nackte Figur steht allein in einer wüstenartigen Landschaft. Die Kamera beobachtet zunächst von fern, nähert sich dann in perspektivischen Sprüngen der Figur und übernimmt schließlich ihren Blick der tastenden Betrachtung der Umgebung. Ein aus vielen Soundschichten gesampelter Klangteppich schiebt sich unter die Haut der Figur und in die Fugen der vulkanischen Landschaft und entfaltet einen zusätzlichen Resonanzraum. Vorsichtig, auf dem rauen und spitzen Lavagestein nach Halt suchend, dreht sich die nackte Figur um ihre eigene Achse. Nichts verweist auf ihren sozialen Status, ihre Zugehörigkeit oder auf ihre Geschichte. Der Blick der Frau wandert langsam entlang der Falten und über die Verwerfungen dieser endzeitlichen Landschaft, einer kargen, unwirtlichen Zone, die kein Ort mehr ist und ohne Zeit zu sein scheint. Die Kamera folgt in Zeitlupe ihrem Blick und bleibt in Verbindung mit der sich nun drehenden Figur. Aus dem Murmeln,Wabern und Wummern des Soundtracks schält sich der unregelmäßige Kanon zählender Stimmen heraus: One, Two, Three, Four … Die Figur beginnt vorsichtig taumelnd in eine unbestimmte Richtung zu laufen. Die Kamera senkt sich auf Fußhöhe herab, folgt sich der stolpernden Bewegung und lässt damit jegliche Bildausschnittskontrolle hinter sich. Kurz taucht sie ein in die Verästelungen des kargen Gestrüpps, um danach wieder der stillen Totale der Landschaft ihren Raum zu geben. Zone ist der 3. Teil einer bislang vierteiligen Serie von Videos, die auf Reisen in fremden Landschaften per Handkamera gedreht werden. Das filmische Material wird in kleinste Filmschnipsel zerlegt, zeitlich gedehnt oder gestaucht und neu kombiniert und wird von einem in ähnlicher Technik komponierten Soundtrack begleitet. Jedes Video wird als Loop präsentiert und so zu einem Reigen über Zeit und Endlichkeit.

Jan Peter Zaugg
Sleep is overrated, 2020, Filzstift auf Papier, 42 x 30 cm, gerahmt 52 x 40 cm

Kein Stress. Das Leben ist prall gefüllt und es lässt sich immer noch etwas entdecken. Eine Gesellschaft, die sich zwischen Konsum, Medien, Lifestyle und permanenter Kommunikation auf einem unsichtbaren Drahtseil immer auch ein wenig am Abgrund bewegt. Deshalb umso mehr: Sleep is overrated.

Georg Zey
Ohne Titel, 2020, Windschutzscheiben, Holzkugeln, Klebeband, Holz, ca. 46 x 107 x 8 cm

Zwischen zwei Windschutzscheiben vom Fiat 600 finden sich etliche in Grautönen gefasste Holzkugeln, die eine grobe Darstellung kollidierender schwarzer Löcher herbeizupixeln versuchen.