Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit

Heute zwischen Gestern und Morgen (2019)

Mit der Ausstellungsreihe Heute zwischen Gestern und Morgen (Gedichttitel von Kurt Tucholsky erschienen in „Die Weltbühne“, 31.05.1932) wollen wir Kurt Tucholsky mit seiner kritisch-konstruktiven Haltung im Dialog mit zeitgenössischen Künstler*innen ins Zentrum stellen. Nach dreizehn Jahren orts-, situations-, kontextbezogenen Projekten und Ausstellungen im Projektraum Kurt-Kurt (siehe www.kurt-kurt.de, www.sanspapiers.de) im Geburtshaus von Kurt Tucholsky werden die eingeladenen Künstler*innen sich mit ihren Arbeiten diesmal direkt auf den Menschen Kurt Tucholsky, sein Werk und sein politisches Handeln beziehen.
Kurt Tucholsky war ein äußerst sorgfältiger und aufmerksamer Beobachter der sich politisch verfärbenden Zeit seines kurzen Lebens. Er war auf der Jagd nach den Bruchstellen einer changierenden, sich entziehenden Gegenwart, die unverkennbar in die falsche Richtung steuerte. In seinen kürzeren und längeren Texten, aber auch in seinem lyrischen Werk zeigte und zeigt er uns genauso Bilder von den kleinen, aber tiefen Abgründen wie von den komplexen und großen Zusammenhängen. Und er ist heute damit wieder aktueller denn je.
Kurt Tucholsky hat poetisch literarische Instrumente geschaffen, die heute von drei Künstler*innen zu installativen und performativen Bildern umgesetzt werden, die uns motivieren und Kraft geben, eine Sprache zu finden, die uns weiterbringt. Kunst kann so Motor und Initiator einer kritischen, aber immer konstruktiven Auseinandersetzung sein, angefangen im Geburtshaus von Kurt Tucholsky und fortgesetzt bis zum globalen Dorf und den digitalen Wolken.
Die drei eingeladenen Künstler*innen Seraphina Lenz, Bruno Nagel und Nasan Tur werden Texte von Tucholsky und auch sein Leben und Handeln unter den aktuellen Vorzeichen der Gegenwart künstlerisch neu apostrophieren und inszenieren. Sie werden in den drei Ausstellungsprojekten sichtbar/lesbar/spürbar präsentieren, dass das Heimweh nach der Zukunft seinen Ursprung in der veränderbaren Gegenwart hat, für die wir die Verantwortung tragen, so dass sie die Vergangenheit nicht doppeln wird.

8. – 29. August 2019: Bruno Nagel


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Bruno Nagel ICH KAUF MIR CHINA. VIEL PAPIER.

Hier eröffnet demnächst ein Nagel-Studio
Bruno Nagel taucht ein in die verschiedenen Dimensionen des Werkes und des Lebens von Kurt Tucholsky. Er greift Fäden auf – neben den Texten und dem literarischen Vermächtnis auch Freundschaften, geografische Eckdaten, wichtige Figuren, einschneidende Ereignisse –, die er in den Räumen von Kurt-Kurt im Geburtshaus Tucholskys multidimensional und medienübergreifend miteinander und mit seinem eigenen Werk verwebt.

Die Schaufensterscheibe wird als Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum zur Schrifttafel, die das Außen mit dem Innen verbindet. Wortspielereien greifen in den öffentlichen Raum ein und können im Kontext des realen Alltags und den Wort-Text-Bild-Objekt-Collagen in der Ausstellung immer wieder neu gelesen, kombiniert und hinterfragt werden.

Betritt man die Ausstellungsräume, steht man im Nagel-Studio. Der Ausstellungsraum ist eine Art vierdimensionales Still aus Bruno Nagels Atelier. Hier treffen sich Raum, Zeit, Objekte, Texte, Kunst, Alltag, Heute und Gestern und vielleicht auch das Morgen. Schaut man an die Decke, sieht man den TucholSKY.

Liest, denkt, kombiniert, assoziiert man sich weiter durch die Ausstellung, kommt man in den „Redaktionsraum“. Hier arbeiten „die Redakteure“ mit aktuellen Tageszeitungen, redigieren, korrigieren und schreiben diese ganz im Sinne Tucholskys kritisch-konstruktiv und mit einer Prise Humor weiter.

Bruno Nagels Werk „verskribbelt“ die leichten Sprachwolken an der Oberfläche immer wieder mit tiefschürfenden Wahrheiten und kollektiv gültigen Aussagen, so dass das räumlich inszenierte Zwiegespräch zwischen ihm und Tucholsky in den verschiedenen Ecken, an der Wand, der Scheibe oder auf der Leiter zu poetischen Vulkanen mutiert. „DON’T KILL ME. I’M IN LOVE.“(B. Nagel) oder „Lachen lernen ohne zu weinen.“ (K.Tucholsky)

www.brunonagel.de

Die Ausstellungsreihe wird gefördert durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst

7. – 29. September 2019: Nasan Tur


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Nasan Tur forscht bevorzugt außerhalb der Atelierwände zu Gesellschaft, Politik und zum Einfluss der Medien. In seinen Arbeiten werden gesellschaftliche Bedingungen reflektiert, es geht um politische Ideologien sowie um Symbole von Macht und Widerspruch. Die Erkundung der Spannung zwischen öffentlichem Handeln und Tatenlosigkeit ist ein wesentlicher Aspekt seiner künstlerischen Auseinandersetzung.

In seinem extra für Kurt-Kurt entwickelten und umgesetzten Fotoprojekt FIST bezieht sich Nasan Tur auf Schriften und Kunstwerke, die in nationalsozialistischer Zeit verboten wurden und deren Verfasser ins Exil gehen mussten. Ausgehend von Kurt Tucholskys öffentlichem und schöpferischem Widerstand geht es in der Fotoserie um das individuelle Handeln und Formen des Widerstandes jedes Einzelnen.

Die Serie Political Supporters zeigt Menschen, die sich intensiv für politische Wahlkampagnen von Parteien oder einzelnen Politikern engagiert haben. Wir sehen diese Menschen im Moment der Verkündung der Wahlergebnisse, dem Moment des Gewinnens oder Verlierens. Das Rohmaterial für die Portraitserie sind Pressebilder von Wahlberichterstattern. Nasan Tur hat einzelne Personen aus der Menge herausgelöst und zeigt so Momente großer unkontrollierter Emotionalität zwischen ekstatischem Jubel und Tränen der Enttäuschung.

Raum vorne: FIST – Fotoserie mit 4 Bildern, 2019, fine art print fixiert mit Magneten, ungerahmt

Raum hinten: Political Supporters – Fotoserie mit 10 Bildern, 2016, fine art print auf Aluminium, farbige Rahmen 94x75cm

Zur berlin art week wird Nasan Tur bei einem special event am 13.09.2019 um 19 Uhr durch die Ausstellung führen und über seine Arbeit berichten.

Zum Ortstermin Moabit findet am 29.09.2019 um 16 Uhr ein Artist Talk mit Nasan Tur und den Kuratoren Simone Zaugg und Pfelder statt.

Die Ausstellungsreihe wird gefördert durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.

7. – 23. November 2019: Seraphina Lenz


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mots croisées

Was ist ideal?

Für ihre Ausstellung im Projektraum Kurt-Kurt entwickelt Seraphina Lenz die Installation mots croisées. Sie nimmt das Gedicht Das Ideal von Kurt Tucholskys zum Ausgangspunkt und lässt sowohl im installativen wie auch im gedanklichen Raum das „Heute zwischen Gestern und Morgen“ kreuzen.

Im Gedicht Das Ideal aus dem Jahr 1927 beschreibt Kurt Tucholsky die unerreichbare Wunschvorstellung eines vordergründig perfekten Lebens. Er spricht darin vom Hin- und Hergerissensein zwischen Betriebsamkeit und Stille, von sinnlichen Freuden und Luxus.

In der mehrteiligen Installation für die Räume von Kurt-Kurt bleibt Seraphina Lenz nah am Text und spürt den Details nach wie in einem close reading Prozess. Sie untersucht einzelne Worte, findet Bilder, inszeniert das Gedicht räumlich und macht es begehbar. So schafft sie durch ihre „Inszenierungen“ Bezüge zwischen Interpretation, historischen und biografischen Aspekten und den unterschwelligen oder teilweise auch offensichtlichen Entwicklungen der Gegenwart.

Als berühmter Satiriker hat Tucholsky selber viel über Witze geschrieben, besonders gern über ihr Misslingen. Witze bedürfen eines exakten Timings. Kommen sie hundert Jahre zu spät, verschieben sich die Zeitläufte und es stellt sich die Frage, ob und wo der Witz dennoch treffen kann. So analysiert Seraphina Lenz in der explizit für diese Ausstellung entwickelten Arbeit auch, wie Tucholsky als erfolgreicher Feuilletonist präzise den Ton seiner Zeit im Übergang zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik traf. Die genauen Beobachtungen des gegenwärtig gesellschaftlichen Geschehens und die Kommentierung tagespolitischer Ereignisse haben einen geschichtlichen Klang, so dass sich die Frage stellt, welche Pointen heute noch treffen.


Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –,
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egal weg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.

Tröste dich

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

Theobald Tiger / Berliner Illustrierte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256.

www.seraphinalenz.de

Die Ausstellungsreihe wird gefördert durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.