Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit

Reisen im Raum | Bild – Objekt – Ton (2018)

Der Projektraum Kurt-Kurt steht mit seiner inzwischen zwölfjährigen Arbeit für eine kritisch-konstruktive künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Nachdem 2016 und 2017 das Leben im Kurt-Kurt eine besondere Reise war, mit einer intensiven Auseinandersetzung mit den Themen Flucht und Migration und der Zusammenarbeit mit geflüchteten Künstler*innen, soll 2018 die Reise weitergehen. Ganz im Sinne Tucholskys wollen wir eine kritisch-konstruktive Sicht auf die Welt und das Hier und Jetzt wieder stärker zurückführen auf einzelne, starke künstlerische Positionen und ihre Auseinandersetzung mit dem Kontext, dem Ort, den Räumen von Kurt-Kurt im Geburtshaus von Kurt Tucholsky.

Drei bekannte, international ausstellende und in Berlin lebende Künstler*innen, die sich den drei grundlegenden künstlerischen Ausdrucksformen Bild, Objekt und Ton zuordnen lassen, werden eingeladen, die Räume von Kurt-Kurt orts-, kontext- und raumspezifisch zu bespielen. Emmanuelle Castellan (Bild), Nik Nowak (Ton/Sound) und Pätzug / Hertweck (Objekt) werden mit den ihnen eigenen Medien installative Werke speziell für Kurt-Kurt inszenieren und so die Ausstellungsräume transformieren.

Die drei Künstler*innen/Künstlerteams nehmen uns mit auf eine künstlerische Reise in ihre beeindruckenden Kunstwelten, die die Gegenwart und das menschliche Sein reflektieren, ohne vordergründig etwas abzubilden.

Diese drei künstlerischen Reisen in die Welt der Bilder, der Objekte und des Tons führen fort, wofür Kurt-Kurt als Ort seit Jahren steht: Ein Ort für Begegnung und Austausch, für besondere Kunsterlebnisse und für die Schaffung von Raumbildern, die ganz und gar im Hier und Jetzt sind und Gegenwart selbst neu definieren.

Zu jeder Ausstellung wird es ein Künstlergespräch geben, das nicht nur die ausgestellte Kunst behandelt, sondern auch den Menschen hinter dem Werk vorstellt und erlebbar macht. Die Künstler*innen werden während ihrer Ausstellung interessierte Besucher*innen durch die von ihren Werken bespielten Räume führen und den Betrachter*innen wichtige Stationen und interessante Positionen ihrer künstlerischen Wege näher bringen.

3. – 23. Juni 2018: Emmanuelle Castellan


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Bei Emmanuelle Castellan wird die Malerei zu einem sich ständig verändernden, instabilen Prozess, der auch Zeit als Dimension mit einbindet. Die Materialität ihrer Malerei und die Entgrenzung ihrer Bilder führen dazu, dass Raum als Ort der Verwandlungen, des Widerspruchs, der Entzifferungen betrachtet werden kann. Innerhalb und außerhalb des Rahmens ihrer Bilder interessiert Emmanuelle Castellan besonders der Körper, der oft einer Identifikation entgleitet oder sogar entflieht.

Ihre Kunst stellt nicht nur Fragen an die Malerei, sondern auch nach Raum, Zeit und Bewegung. Nicht das Sichtbarmachen steht im Vordergrund, vielmehr beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Verstecken, Verhüllen oder nur vagen Vorschlagen von Bildern bis zu dem Punkt, an dem die Bilder zwischen Zeichen und Gesten unlesbar werden. So verbindet Emmanuelle Castellan in ihren Bildern unvorhersehbare und widersprüchliche Aspekte mit fragilen und prekären Existenzformen.

In ihren jüngsten Forschungen verbindet sie die Anfänge der Moderne, z.B. Verweise auf Objekte und Skizzen von Josef Hoffman oder den Tanz von Pina Bausch und Mary Wigman, mit der Darstellung des Körpers in flüchtig digitalen Werbespots im heutigen Internet.

Für die Ausstellung im Kurt-Kurt inszeniert die Künstlerin eine mehrteilige Reise, die uns vom Objekt über den Raum zum Körper führt.

Die Ausstellungreihe wird gefördert durch den Fachbereich Kunst und Kultur, Bezirksamt Mitte Berlin, Bezirkskulturfonds.

8. – 29. September 2018: Pätzug / Hertweck


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Das Künstlerduo Pätzug / Hertweck geht dem Raum auf den Grund und untersucht mit installativen Eingriffen die Bewegung und den Charakter des Raumes. Mit dynamischen Interventionen werden die Gäste in der Ausstellung im Kurt-Kurt auf eine Reise geschickt und erleben Flexibilität und Dehnung von Raum.  Das Künstlerduo versteht den Begriff Raum nicht ausschließlich als einen architektonischen, sondern nutzen diesen, um auf soziale, so wie auf territoriale Grenzen zu verweisen. Fragen wie, wo verläuft die Trennung zwischen Glück und Gefühlsduseligkeit oder zwischen Welt und Wald, sind ebenso Teil ihrer Arbeit, wie physische Eingriffe in die bestehende Raumstruktur. Dadurch verschieben sich Grenzen, werden labil und können den Raum gleichzeitig schließen und entriegeln. Raum teilt sich dort, wo sich Raumteiler und Raumaufteilung begegnen.

In diesem Sinne konfrontieren die performativen Installationen im Raum die Betrachter mit ihren eigenen Positionen. Drei Räume voll von Geschichten und Begegnungen gehen jeweils in ihrer Eigenart auf ihre Besucher zu und rücken ihnen auf den Leib.  

Die Ausstellungreihe wird gefördert durch den Fachbereich Kunst und Kultur, Bezirksamt Mitte Berlin, Bezirkskulturfonds.

17. November – 8. Dezember 2018: Nick Novak, G.O.A.T.


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In seiner Ausstellung G.O.A.T. im Projektraum Kurt-Kurt im Geburtshaus Kurt Tucholskys stellt Nik Nowak die mediale Einflussnahme multinationaler Konzerne auf Politik, Gesellschaft und Kultur in Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit und sich global formierendem Rechtspopulismus zur Debatte.
Für die Ausstellung hat Nik Nowak eine Interviewsituation und das daraus resultierende „off air“ Gespräch in Anlehnung an eine wahre Begebenheit rekonstruiert und von Sprechern nachstellen lassen (Sprecher: Jessica Edwards, Dominik Wirth / Tonmeister: Lukas Walther). In seiner Rauminstallation im Kurt-Kurt hören wir die fiktive Sendung „Freek Time“ auf Black Goat Radio. Im Verlauf des Gesprächs in diesem Hörstück stellen sich Fragen zu freier Rede, zu Meinungsäußerung und Zensur, zu gesellschaftlicher Verantwortung der freien Szene und zu kapitalistischen Methoden des whitewashings.

Eine reale Interview-Einladung Nik Nowaks zu Red Bull Radio im Oktober 2018 war ausschlaggebend für die raumgreifende Soundinstallation im Kurt-Kurt:

Seit einiger Zeit wird dem Brausehersteller Red Bull und seinem CEO Dietrich Mateschitz vermehrt Rechtspopulismus vorgeworfen. Zu den Vorwürfen gab es jedoch von Firmenseite bisher keinen Kommentar. Selbst die öffentliche Glorifizierung der rechtsradikalen Identitären Bewegung durch Red Bull´s wohl bekanntesten Extremsportler Felix Baumgärtner, sowie seine Äußerung, dass wir eine gemäßigte Diktatur bräuchten, blieb bisher unkommentiert stehen. Bei einem von Red Bull finanzierten Musikfestival in Berlin führte das im Oktober 2018 zu einer Spaltung der linksliberalen Musikszene. Einige Musiker sagten ihre Auftritte ab und wurden schnell durch andere ersetzt. Während in der TAZ der Boykott gelobt und mehr Konsequenz von der Künstlerschaft geforderte wurde, warf die Süddeutsche Zeitung später boykottierenden Künstlern vor, sie brächten ihre Kollegen in Zugzwang, was für einige existenzielle Schwierigkeiten mit sich bringen würde, ja, sogar die Finanzierung der liberalen Musikszene durch Red Bull gänzlich gefährde. Helden oder Spielverderber?

Unter der Voraussetzung sich uneingeschränkt äußern zu dürfen, nahm auch Nik Nowak eine Einladung zum live Interview bei Red Bull Radio an. Als er dort seine Kritik an der Firmenpolitik „live on air“ äußerte, wurde das Interview jedoch nach kurzer Zeit abgebrochen. Der Podcast steht laut Red Bull wegen Lizenzproblemen online nicht zur Verfügung.

Während einerseits im Sport G.O.A.T. Greatest Of All Times bedeutet, werden mit „ goat“ aber auch Spieler bezeichnet, durch die ein Spiel verloren wird.

Die Ausstellungreihe wird gefördert durch den Fachbereich Kunst und Kultur, Bezirksamt Mitte